Aus Alice Miller ihrem Buch „Bilder einer Kindheit“
und ihrer Homepage
Die Wurzeln der Gewalt
12 Punkte
Als Galileo Galilei 1613
mathematische Beweise für die kopernikanische These vorlegte, daß sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, wurde dies in der Kirche als „falsch und absurd“ bezeichnet.
Galilei wurde gezwungen, seiner These abzuschwören und erblindete in der Folge.
Erst 300 Jahre später entschloß die Kirche endlich, ihre Täuschung aufzugeben und Galileis Schriften vom Index zu streichen und freizugeben.
Heute befinden wir uns in einer ähnlichen Situation wie die Kirche
zur Zeit Galileis, aber heute steht für uns viel mehr auf dem Spiel.
Unsere Entscheidung für die Wahrheit oder für die Täuschung wird viel schwerwiegendere Konsequenzen für das Überleben der Menschheit haben,
als dies im 17. Jahrhundert der Fall war.
Seit einigen Jahren ist es wissenschaftlich erwiesen,
daß die verheerenden Folgen der Traumatisierung des Kindes
unweigerlich auf die Gesellschaft zurückschlagen.
Dieses Wissen betrifft jeden einzelnen Menschen und muß - wenn genügend verbreitet zur grundlegenden Veränderung unserer Gesellschaft,
vor allem zur Befreiung von der blinden Eskalation der Gewalt führen.
Die folgenden Punkte versuchen anzudeuten, was hier gemeint ist:
1. Jedes Kind kommt auf die Welt, um zu wachsen, sich zu entfalten, zu leben, zu lieben und seine Bedürfnisse und Gefühle zu seinem Schutz zu artikulieren.
2. Um sich entfalten zu können, braucht das Kind die Achtung und den Schutz der Erwachsenen, die es ernst nehmen, lieben und ihm ehrlich helfen,
sich zu orientieren.
3. Werden diese lebenswichtigen Bedürfnisse des Kindes frustriert,
wird das Kind stattdessen für die Bedürfnisse Erwachsener ausgebeutet, geschlagen, gestraft, missbraucht, manipuliert, vernachlässigt, betrogen,
ohne dass je ein Zeuge eingreift, so wird die Integrität des Kindes
nachhaltig verletzt.
4. Die normale Reaktion auf die Verletzung wären Zorn und Schmerz.
Da der Zorn aber in einer verletzenden Umgebung dem Kind verboten bleibt
und da das Erlebnis der Schmerzen in der Einsamkeit unerträglich wäre,
muß es diese Gefühle unterdrücken, die Erinnerung an das Trauma verdrängen und seine Angreifer idealisieren. Es weiß später nicht, was ihm angetan wurde.
5. Die nun von ihrem eigentlichen Grund abgespalteten Gefühle von Zorn, Ohnmacht, Verzweiflung, Sehnsucht, Angst und Schmerz verschaffen sich dennoch Ausdruck in zerstörerischen Akten gegen andere (Kriminalität, Völkermord) oder gegen sich selbst (Drogensucht, Alkoholismus, Prostitution, psychische Krankheiten, Suizid).
6. Opfer der Racheakte sind sehr häufig eigene Kinder,
die eine Sündenbockfunktion haben und deren Verfolgung in unserer Gesellschaft immer noch voll legitimiert ist, ja sogar in hohem Ansehen steht, sobald sie sich als Erziehung bezeichnet. Tragischerweise schlägt man sein eigenes Kind, um nicht zu spüren, was die eigenen Eltern getan hatten.
7. Damit ein misshandeltes Kind nicht zum Verbrecher oder Geisteskranken wird, ist es nötig, dass es zumindest einmal in seinem Leben einem Menschen begegnet, der eindeutig weiß, dass nicht das geschlagene, hilflose Kind,
sondern seine Umgebung verrückt ist.
Insofern kann das Wissen oder Nichtwissen der Gesellschaft das Leben
retten helfen oder zu seiner Zerstörung beitragen. Hierin liegt die große Mög1ichkeit von Verwandten, Anwälten, Richtern, Ärzten und Pflegenden, eindeutig für das Kind Partei zu ergreifen und ihm zu glauben.
8. Bisher schützte die Gesellschaft die Erwachsenen und beschuldigte
die Opfer. Sie wurde in ihrer Blindheit von Theorien unterstützt, die,
noch ganz dem Erziehungsmuster unserer Urgroßväter entsprechend, im Kind ein verschlagenes, von bösen Trieben beherrschtes Wesen sahen,
das lügenhafte Geschichten erfindet und die unschuldigen Eltern angreift
oder sie sexuell begehrt.
In Wahrheit neigt jedes Kind dazu, sich selber
für die Grausamkeit der Eltern zu beschuldigen und den Eltern,
die es immer liebt, die Verantwortung abzunehmen.
9. Erst seit einigen Jahren lässt sich dank der Anwendung von neuen therapeutischen Methoden beweisen, dass verdrängte traumatische Erlebnisse der Kindheit im Körper gespeichert sind und dass sie sich, unbewusst geblieben, auf das spätere Leben des erwachsenen Menschen auswirken.
Ferner haben elektronische Messungen an noch ungeborenen Kindern eine Tatsache enthüllt, die von den meisten Erwachsenen bisher noch nicht wahrgenommen wurde, nämlich dass das Kind sowohl Zärtlichkeit als auch Grausamkeit von Anfang an fühlt und lernt.
10. Dank dieser Erkenntnisse offenbart jedes absurde Verhalten seine bisher verborgene Logik, sobald die in der Kindheit gemachten traumatischen Erfahrungen nicht mehr im dunkeln bleiben müssen.
11. Unsere Sensibilisierung für die bisher allgemein geleugneten Grausamkeiten in der Kindheit und deren Folgen wird von selbst dazu führen, daß das Weitergeben der Gewalt von Generation zu Generation ein Ende findet.
12. Menschen, deren Integrität in der Kindheit nicht verletzt wurde,
die bei ihren Eltern Schutz, Respekt und Ehrlichkeit erfahren durften,
werden in ihrer Jugend und auch später intelligent, sensibel, einfühlsam und hoch empfindungsfähig sein.
Sie werden Freude am Leben haben und kein Bedürfnis verspüren,
jemanden oder sich selber zu schädigen oder gar umzubringen.
Sie werden ihre Macht gebrauchen, um sich zu verteidigen, aber nicht,
um andere anzugreifen. Sie werden gar nicht anders können, als Schwächere, also auch ihre Kinder, zu achten und zu beschützen, weil sie dies einst selber erfahren haben und weil dieses Wissen (und nicht die Grausamkeit) in ihnen von Anfang an gespeichert wurde.
Diese Menschen werden nie imstande sein zu verstehen, weshalb ihre Ahnen einst eine gigantische Kriegsindustrie haben aufbauen müssen,
um sich in dieser Welt wohl und sicher zu fühlen.
Da die Abwehr von frühesten Bedrohungen
nicht ihre unbewusste Lebensaufgabe sein wird,
werden sie mit realen Bedrohungen rationaler
und kreativer umgehen können.
Kursiv & Unterstreichung & Punkt 12 in blauer Schriftfarbe von mir hervorgehoben
Ingeborg Deppner Mai 2010
http://de.wikipedia.org/wiki/Alice_Miller
© 2010 Alice Miller
Eberhard Richter erkannte: daß viele Eltern ihre Kinder
"unbewußt darauf abrichten, so zu werden, daß sie unsere persönliche Defizite ausgleichen"
Aus Alice Miller ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“
und ihrer Homepage
Wie entsteht emotionale Blindheit?
21 Punkte
1. Das Neugeborene ist immer unschuldig.
2. Jedes Kind hat unabdingbare Bedürfnisse, unter anderem nach Sicherheit,
Geborgenheit, Schutz, Berührung, Wahrhaftigkeit, Wärme, Zärtlichkeit.
3. Diese Bedürfnisse werden selten erfüllt, jedoch häufig von Erwachsenen
für ihre eigenen Zwecke ausgebeutet (Trauma des Kindesmissbrauchs).
4. Der Missbrauch hat lebenslängliche Folgen.
5. Die Gesellschaft steht auf der Seite des Erwachsenen und beschuldigt
das Kind für das, was ihm angetan worden ist.
6. Die Tatsache der Opferung des Kindes wird nach wie vor geleugnet.
7. Die Folgen dieser Opferung werden daher übersehen.
8. Das von der Gesellschaft allein gelassene Kind hat keine andere Wahl,
als das Trauma zu verdrängen und den Täter zu idealisieren.
9. Verdrängung führt zu Neurosen, Psychosen, psychosomatischen Störungen
und zum Verbrechen.
10. In der Neurose werden die eigentlichen Bedürfnisse verdrängt
und verleugnet und statt dessen Schuldgefühle erlebt.
11. In der Psychose wird die Misshandlung in eine Wahnvorstellung verwandelt.
12. In der psychosomatischen Störung wird der Schmerz der Misshandlung
erlitten, doch die eigentlichen Ursachen des Leidens bleiben verborgen.
13. Im Verbrechen werden die Verwirrung, die Verführung
und die Misshandlung immer wieder neu ausagiert.
14. Therapeutische Bemühungen können nur dann erfolgreich sein,
wenn die Wahrheit über die Kindheit des Patienten nicht geleugnet wird.
15. Die psychoanalytische Lehre der "infantilen Sexualität" unterstützt
die Blindheit der Gesellschaft und legitimiert den sexuellen Missbrauch
des Kindes. Sie beschuldigt das Kind und schont den Erwachsenen.
16. Phantasien stehen im Dienste des Überlebens; sie helfen,
die unerträgliche Realität der Kindheit zu artikulieren
und sie zugleich zu verbergen, bzw. zu verharmlosen.
Ein sogenanntes "erfundenes, phantasiertes" Erlebnis
oder Trauma deckt immer ein reales Trauma zu.
17. In Literatur, Kunst, Märchen und Träumen kommen oft verdrängte
frühkindliche Erfahrungen in symbolischen Formen zum Ausdruck.
18. Aufgrund unserer chronischen Ignoranz hinsichtlich der wirklichen
Situation des Kindes werden diese symbolischen Zeugnisse von Qualen
in unserer Kultur nicht nur toleriert, sondern sogar hochgeschätzt.
Würde der reale Hintergrund dieser verschlüsselten Aussage verstanden,
würde sie von der Gesellschaft abgelehnt werden.
19. Die Folgen eines begangenen Verbrechens werden nicht dadurch
aufgehoben, dass Täter und Opfer blind und verwirrt sind.
20. Neue Verbrechen können verhindert werden, wenn die Opfer
zu sehen beginnen; damit wird der Wiederholungszwang aufgehoben
oder abgeschwächt.
21. Indem sie die im Geschehen der Kindheit verborgene Quelle der Erkenntnis
unmissverständlich und unwiderruflich freilegen, können die Berichte
Betroffener der Gesellschaft im allgemeinen und insbesondere
der Wissenschaft helfen, ihr Bewusstsein zu verändern.
http://www.alice-miller.com/
© 2010 Alice Miller

daß viele Eltern ihre Kinder
"unbewußt darauf abrichten, so zu werden, daß sie unsere persönliche Defizite ausgleichen"
Aus dem Buch von Irene Behrmann „Leben und Geburt“
Charta der „Rechte des Kindes“
vor, während und nach seiner Geburt
1. Jedes Kind hat das Recht, schon vor der Geburt als eigene Person geachtet und respektiert zu sein.
2. Jedes Kind hat das Recht auf eine sichere vorgeburtliche Beziehung und Bindung.
3. Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass während der Schwangerschaft und Geburt seine Erlebens-Kontinuität beachtet und geschützt wird.
4. Jedes Kind hat das Recht darauf, dass medizinische Interventionen, von Anfang an immer auch auf ihre seelische Auswirkung hin reflektiert und verantwortet werden.
5. Jedes Kind hat das Recht auf Hilfen für einen liebevollen und bezogenen Empfang in der Welt, der ihm eine sichere nachgeburtliche Bindung erlaubt.
6. Jedes Kind hat das Recht auf eine hinreichend gute Ernährung vor und nach der Geburt. Jedes Kind sollte nach Möglichkeit gestillt werden.
7. Mit den Kinderrechten verbunden ist es ein Recht der künftigen Generationen, dass die Gesellschaft ihnen die Möglichkeit gibt, ihre eigenen Potentiale als Paar und als Eltern zu entwickeln.
8. Mit diesem Recht auf Entwicklung elterlicher Kompetenz ist das Recht des Kindes auf verantwortliche, feinfühlige und bezogene Eltern oder Ersatzpersonen verbunden.
9. Um diese Rechte des Kindes zu gewährleisten, haben die gesellschaftlichen Institutionen die Pflicht, die Eltern bei der Bewältigung ihrer Aufgaben zu unterstützen.
Diese Charta beruht auf der Wiener Resolution der
Internationalen Studiengemeinschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin (ISPPM)
http://www.isppm.de/

daß viele Eltern ihre Kinder
"unbewußt darauf abrichten, so zu werden, daß sie unsere persönliche Defizite ausgleichen"
aus Homepage von Alice Miller
Klapse für Säuglinge -
Einige Gedanken über die Folgen
Warum halte ich die angeblich harmlosen Klapse für schädlich?
1. Sie bringen dem Kind Gewalt bei
(sehr früh und daher oft lebenslan wirksam).
2. Sie zerstören beim Säugling und Kleinkind die unersetzbare Sicherheit,
geliebt zu sein.
3. Sie erzeugen Ängste: die Erwartung der nächsten Strafe.
4. Sie halten eine Lüge aufrecht, indem sie angeben, erzieherisch zu wirken, doch im Grunde strafen die Eltern nur, weil sie als Kinder
selbst geschlagen wurden.
5. Sie provozieren Ärger und den Wunsch nach Rache, der zunächst
unterdrückt wird, um viel später seinen destruktiven Ausdruck zu finden.
6. Sie programmieren das Kind, unlogische Argumente zu akzeptieren
(wenn ich dir weh tue, geschieht es zu deinem Besten) und den Schmerz
der Demütigung als nicht schmerzhaft zu registrieren.
7. Sie zerstören die Sensibilität und das Mitgefühl für andere und für sich
selbst, und so entgeht ihnen die Möglichkeit, innerlich zu wachsen.
Welche Botschaften werden dem Kind durch Schläge vermittelt?
1. Dass ein Kind keinen Respekt verdiene.
2. Dass das Quälen einen guten Sinn haben könne (was grundsätzlich falsch ist,
denn die erfahrene Qual lehrt das Kind, andere zu quälen).
3. Dass der eigene Schmerz nicht gefühlt werden dürfe; er muss ignoriert
werden (was gefährlich für das Immunsystem ist).
4. Dass Gewalttätigkeit mit Liebe vereinbar sei (die Wurzel von Perversion).
5. Dass das Verleugnen von Gefühlen gesund sei (der Körper bezahlt den Preis
für diesen Fehler oftmals viel später).
Wie wird unterdrückter Ärger üblicherweise ausgelebt?
In der Kindheit und Adoleszenz:
1. Durch Verspotten von Schwächeren.
2. Durch Angriffe auf Klassenkameraden.
3. Durch das Schikanieren von Lehrern.
4. Durch die Identifizierung mit gewalttätigen Helden im Fernsehen und
in Videospielen (Kinder, die niemals geschlagen wurden, werden
als Erwachsene keine gewalttätigen Filme produzieren).
Im Erwachsenenalter:
1. Durch das Weitergeben von Prügeln an die nächste Generation,
das fälschlicherweise als ein effektives erzieherisches Mittel
dringend empfohlen wird.
2. Durch die Weigerung, den Zusammenhang zwischen der früher
erfahrenen Gewalt und der heutigen aktiv wiederholten Gewalt
zu verstehen. Die Ignoranz der Gesellschaft trägt mit dazu bei.
3. Durch legale destruktive Aktivitäten.
4. Durch die Bereitschaft, jeder Autorität, wie zum Beispiel Hitler, Stalin,
Mao und andere, kritiklos und eifrig zu folgen, die an den Erziehungsstil
der eigenen Eltern erinnert und Sündenböcke für aufgestaute Emotionen
anbietet.
Manche Eltern werden sich der Unterdrückung und der universellen Verleugnung des Kindheitsleidens bewusst. Sie realisieren, dass Gewalt von Eltern auf Kinder übertragen wird und möchten ihre Kinder nicht mehr schlagen.
Viele haben damit Erfolg, sobald sie verstanden haben, dass die Gründe der "erzieherischen" Gewalt in ihrer eigenen verdrängten Geschichte verborgen bleiben.
www.alice-miller.com
© 2010 Alice Miller

Die zuletzt in der Provence lebende Schweizerin starb am 14. April 2010
im Alter von 87 Jahren, wie der Suhrkamp Verlag in Berlin mitteilte.